Ein origineller “mir fällt später noch was besseres ein” Titel – Rückblick auf den u20 Slam Erfurt

 Jedes Jahr im Herbst, wenn die Blätter sich langsam vom Geäste stürzen. Wenn sich die Fussball-Elite wieder auf dem Spielfeld versammelt. Wenn sich die Menschen von den drohenden Festtagen schon gestresst fühlen und sich nach den heissen Monaten nun über das nasskalte Wetter beschweren. Dann ist es endlich wieder Zeit, dem Poetry Slam zu frönen.
Und zwar nicht mit irgendeinem kleinen 7-Leute-Slam in Elmshorn, nein! Dann wird im grossen Stil der Nachwuchs der Slam Poetry gefeiert. An den deutschsprachigen u20 Meisterschaften. Und 2019 fanden diese vom 3. bis 5. Oktober in Erfurt statt.
(Mit Fotos von Tobias Heyel & Pierre Jarawan)

DONNERSTAG

Standesgemäss begannen die Meisterschaften für die Schweizer Delegation mit der Anreise am ersten Wettkampftag. Auf dem Programm stehen 6 Veranstaltungen: 5 Einzelvorrunden und – eine Premiere – der erste Teamwettbewerb bei u20-Meisterschaften! Am Start für die Schweiz sind Caterina John, Lois Stettler, Jusef Selmann, Max Kaufmann, Noah Oetterli, Benjamin Flur Koch und natürlich auch der amtierende u20-Schweizermeister Jeremy Chavez.
Da die Vorrunden auf 3 Locations aufgeteilt waren, galt dasselbe an diesem Abend auch für die Begleitpersonen und Auftretenden. Wegen teilweise Noten- resp. Los-Pech blieb eine Schweizer Welle zwar aus, doch trotzdem erreichten Jeremy, Jusef, Noah & Max das Halbfinale vom Freitag – 4 von 7, nicht schlecht, Herr Specht.
Doch mit den Einzelauftritten war noch nicht genug, nach ihren Auftritten im Einzel mussten Benjamin & Jeremy hurtig eine Location weiter zur Team-Vorrunde (moderiert von «Pink im Park» a.k.a. Pierre Lippuner und meiner Wenigkeit). Bei der Team-Premiere an u20-Meisterschaften unter dem Namen „Ben&Jerry“ durften sie nun auch die deutschsprachige Szene ausserhalb der Schweiz von ihrem Swag (sagt man das noch, Benni?) begeistern.
Da nur 2 von den angetretenen 8 Teams den Einzug ins finale Stechen schaffen würden, standen die beiden vor keiner leichten Aufgabe. In einer Runde, die auch mit Team-Slams am grossen «Näschi» mithalten kann, rockten die zwei die Bühne und schrammten als Drittplatzierte haarscharf an der Entscheidung vorbei. Dieses Privileg war den grossartigen Teams «Bis einer weint» (Lina Wedemeyer & Levin Simmet) und «Flocker-Lockig» (Matilda Heyer & Selina Liebert) vergönnt. Absolut verdient lieferten sich die beiden ein Duell auf Spitzenniveau. Der Kampf um den Titel würde dann am letzten Tag vor dem Einzelfinale ausgetragen werden.

Nach der letzten Veranstaltung des Abends zog die u20-Meute weiter ins Festivalzentrum/Aftershowgewölbe, ein kleiner Club im Untergeschoss einer Kirche, deren Namen mir grade entfallen ist (Anm. d. R: Noch nachschauen!). Dort liessen dann ein erstes Mal an den Meisterschaften Bässe die u20-Herzen höherschlagen, und Hinnerk & Pierre konnten mal ihr Tanzbein für die grosse Afterparty am Samstag einschwingen. Stimmung. Jubel.

FREITAG

Der Freitag begann für Meisterschafts-Verhältnisse eher ungewohnt. Noch vor der ersten Nahrungsmittelzufuhr wohnten wir dem Assembly bei – grossartig geführt von Jay Nightwind und Malte Küppers – und lernten dabei einen Grossteil der Teilnehmenden kennen. Wenn nicht mit Namen, dann zumindest vom Gesicht her. Auf dem Plan standen Lockerungsübungen, um fit in den Tag zu starten und pädagogisch wertvolle Spiele. So wurden alle Namen der Anwesenden in einen Hut geworfen und am Ende des Assembly einer wieder gezogen. Dieser Person galt es nun im Verlaufe der Meisterschaften etwas Gutes zu tun. Schöne Idee. Ehrlich!
Während die einen beim veganen Frühstücksbuffet noch über mögliche Texte fürs Halbfinale werweissten, ging es für andere mit gefülltem Magen mit Johannes Elster, Anni Elster & Nik Salsflausen auf eine immersiv, informativ, unterhaltsame Stadtführung durch Erfurt. Dabei konnten wir nicht nur von Niks Rollenspiel-Erfahrung profitieren, sondern auch von Annis Kenntnissen als gebürtige Erfurterin und Johannes’ Google-Künsten. Nachdem wir schliesslich ein Selfie mit Bernd, dem Brot (oder «Bernd, das Brot»?) gemacht und gelernt hatten, warum es „blaumachen“ heisst – hat mit Blumen, Bier & Pipi zu tun – ging es wieder um Wichtigeres. Nämlich bei den beiden Halbfinals, in dessen Pool von saustarkem Nachwuchs auch vier Schweizer mit von der Partie waren, um den Einzug ins Grande Finale vom Samstag im Kaisersaal.
Alle gaben ihr Bestes, was den Einzug ins Finale noch schwieriger machen sollte. Und so lautete das Fazit des Abends: 20 tolle Auftritte, 1/2 weniger Publikum nach der Pause – anwesende Schüler*innen mussten wohl nach Hause – und einen Finalteilnehmer aus der Schweiz: Jeremy Chavez. Crazy!

Die restlichen Schweizer*innen mussten sich aber vor niemandem verstecken und feierten mit Jeremy die Finalteilnahme und schlossen sich impromptu zu einer Performance-Künstler*innen-Gruppe zusammen. Und zwar nicht ohne Grund, denn an diesem Abend wartete bei der Aftershow noch eine weitere Premiere: Ein Do-what-you-want-Slam. Souverän bizarr geführt vom einzigartigen – ja, bei ihm kann man das wahrlich behaupten – Andi Strauss.
Und das wurde dann auch richtig grandios. Nicht nur traten einige grossartige Musiker*innen an, sondern auch Kabarettisten und dadaistische Einlagen und das Schweizer Volksfest in Form von unserer, bereits vorher angesprochenen u20 Delegation. Mit glänzendem komödiantischem Timing und ein paar richtig nicen Jokes gehörten sie sicherlich zu den Publikumslieblingen.

Nach einer ordentlichen Mischung aus Tanz, Trank und Mucke hiess es tags darauf fit zu sein für die berühmt berüchtigten Meetings.

SAMSTAG

Nein, kein Treffen der anonymen Alkoholiker, also zumindest kein offizielles, sondern das Slammaster*innentreffen. Während sich die u20-Poet*innen im Vorfeld in einem eigenen Treffen austauschen und Feedback sammeln konnten, ging es beim Master*innen-Treffen schliesslich um den organisatorischen Teil. Rückmeldung zum u20 National in Erfurt, Ausblick auf Darmstadt 2020, und neben weiteren wichtigen Themen dann schliesslich auch um den Austragungsort 2021.

Nachgestellte Szene

„Wer möchte die u20 Meisterschaften 2021 austragen?“


Meanwhile mentale Diskussion im Schweizer Lager…

Pierre: Schielt spitzbübisch zu mir hinüber
Ich: Schiele zurück
Pierre: Schielt spitzbübischer
Ich: „Hmm….“
Pierre: Schielt mit Nachdruck
Ich: Ja, komm, mach ma.

Jubel!

 

Pierre huscht noch kurz aus dem Raum, um das Ganze kurz mit Lukas zu besprechen, dann das OK. Schallender Jubel, Wir werden als Helden gefeiert. Menschen fallen in Ohnmacht, Champagnerkorken knallen, Babys schreien. Oder so ähnlich.
Also, merkt es euch vor. Ende September 2021; deutschsprachige u20 Poetry Slam Meisterschaften in St.Gallen!

Das war allerdings nicht der wichtigste Punkt dieses Tages – auch wenn die Zeichenzahl ein anderes Bild zeigt. Es warteten natürlich alle auf das Einzelfinale, wo es darum ging, eine*n u20 Champion*esse im Poetry Slam zu kühren. Und die ersten u20 Team-Champs.

Im royalen Kaisersaal versammelten schliesslich 1500 Poetry Slam Fans und rund 150 Slammerinnen und Slammer und Slammaster*innen im 2. Rang für den berüchtigten schwarzen Block.
Moderiert von Friedrich Herrmann & Toni Fischer wurde der Abend durch die Singer-Songwriterin Friederike. eröffnet, die skandierte: “Es geht mir viel zu gut!” und so ging es auch der Stimmung, die gleich mal mit der Entscheidung im Team vollends zum Kochen gebracht wurde. Matilda & Selina oder doch Lina & Levin? Im Kampf der Teams «Flocker-Lockig» und «Bis einer weint» gabs dann kein Halten mehr und die Entscheidung erfolgte denkbar knapp. Am Ende konnte sich – mit einer Stimme Vorsprung – das Team «Bis einer weint» zu den ersten u20-Team-Champs krönen lassen.

Dann also das Grande Finale im Einzel. Insgesamt 8 der 60 Teilnehmer*innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum waren nun also an der Reihe, unter sich auszumachen, wer den u20 Titel 2019 mit nach Hause nehmen darf.
In einem qualitativ hochstehenden Finale mit leisen und lauten, performativen und zurückhaltenden, ernsten, bizarren, lustigen und anprangernden, persönlichen und fantasievollen, mit Texten von A bis Z, die zeigen, was Poetry Slam alles sein kann, alles ist, lieferten sich die 8 Finalist*innen einen richtig nicen Wettbewerb.
In diesem Finale waren vertreten Natalie Friedrich, Nano Miratus, Yannik Ambrusits, Lea Sophie Keller, Paulina Behrendt, Carro Goebel, Julius Althoetmar und “unser” Jeremy Chavez. Im finalen Stechen der besten Zwei landeten schliesslich Yannik Ambrusits und Paulina Behrendt.
Noch einmal flexen (Achtung: Jugendsprache!) sie ihre Text-Muskulatur. Die Jury entscheidet anschliessend mit 1 oder 2, wer sich den u20 Titel holt… Es wird spannend … Die Jury blättert … Die ganze Slamily wartet hinter der Bühne bereits auf das grosse Knuddeln … Die Tafeln werden hochgehalten …

Und es ist Paulina Behrendt!

Alle Slammer*innen und Begleitpersonen stürmen die Bühne im feurigen Ansturm von Begeisterung, das Publikum rastet aus, Julias schickt ein letztes Meme und überall Liebe, Umarmungen, Freude und Ameisentod!
Und nach gefühlt 2 Stunden Herzverschenken auf der Bühne geht’s schliesslich weiter zur wohlverdienten grossen Afterparty, an der ein letztes Mal gezeigt wird, wie geil diese Szene doch ist. Wie alle ihr Tanzbein schwingen und auch morgens um 2 noch zu Toto mitgrölen, als obs kein Morgen gäbe.

Einfach geil! Bis bald wieder… Over and Out!

Fabian

 

 

 

Zum Schluss noch mein – verspätetes und lückenhaftes – Fazit:

4 Tage Festival
60 Teilnehmende
62 Slam-Texte gehört
10 Stunden geschlafen
9 neue Insider aus der (u20) Slamszene
7 Veranstaltungen besucht
7 Starter*innen für die Schweiz
7 Stunden Anreise
9 Stunden Heimreise
4 mal Africa gesungen
2 Ameisentode gestorben
1 viel zu später Bericht
unendlich viel Liebe und Vorfreude auf 2020
unendlich +1 Vorfreude auf „unseren“ u2021 in St.Gallen
tausende Dinge schon wieder vergessen (Sorry!)
… und dafür gelernt, warum es „blaumachen“ heisst (Danke Nik, Johannes & Anni)